www.berliner-lindenblatt.de - Die Zeitung für Berliner Geschichte: Berlin-Bücher, Berlin-Chronik, Berlin-Themen, Berlin-Veranstaltungen
Startseite arrow Künste arrow Bildende Künste arrow Walter Leistikow
Aktuelle Themen
Freitag, 10. September 2010
Startseite
Stadtführungen Berlin
Suche
Berliner Geschichte
Architektur
Berliner Straßen
Bildung
Biographien
Geschichte
Künste
Literatur
Sozialwesen
Spaziergänge
Stadtteile
Technik & Verkehr
Wirtschaft
Berlin im Überblick
Adressen / Links
Chronik Berlin
Retrospektive
Berliner Bürgermeister
Lindenblätter
Pin-up-Galerie
Kaffeehaus Berlin
Fundstücke
Berlin im Museum
Berlin erzählt
Berlin-Bücher
Bücherblatt 2008
Bücherblatt 2007
Bücherblatt 2006
Von gestern
Unverzichtbar
Register AutorInnen
Register Themen
Service
Übersicht
Themenübersicht
Presse
Impressum




| Nr. 26, Oktober 2008 |

Ein seltener Mensch, der nur Freunde hat

Walter Leistikow zum einhundertsten Todestag 


Von GERHILD H. M. KOMANDER (Text) und

MARGOT WEIß (Photographien)


Gedenkfeier 2008: Walter Leistikow, die letzte photographische Aufnahme, um 1907. Photo: Margot Weiß

Familie und Freundeskreis, KollegInnen und Publikum erschütterte die Nachricht vom Tod des Berliner Malers Walter Leistikow schwer. Am 24. Juli 1908 hatte sich der Künstler im Sanatorium Hubertus in Berlin-Schlachtensee, wo er zur Kur weilte, erschossen. Leistikow war an Syphilis erkrankt. Er nahm sich das Leben, um seiner Familie die weitere Belastung zu ersparen.


Kein Platz für einen Selbstmörder

Selbsttötung war (und ist?) in christlichen Kreisen verpönt. Anna Leistikow fand am Wohnort der Familie, in Schöneberg, und auch in der nächsten Umgebung keinen Kirch- oder Friedhof, der den Leichnam ihres Mannes aufgenommen hätte. Auf dem Steglitzer Friedhof Bergstraße durfte Walter Leistikow bestattet werden. Welch ein Glücksfall für die Berliner Kulturgeschichte damit entstand, konnte die Witwe nicht ahnen.

Manfred Sährig, Restaurator, und Wolfgang Holtz. Photo: Margot Weiß

Um die Steglitzer Geschichte kümmert sich seit Jahrzehnten der Geographie- und Sportlehrer Wolfgang Holtz, langjähriger Leiter des Steglitzer Heimatmuseums, Poststreckenwanderer, Gedenktafelinitiator und Heimatforscher, vor allem für Steglitz und die Mark Brandenburg.

Wilma Gütgemann-Holtz und Cécile Lowenthal-Hensel. Photo: Margot Weiß

 

Wilma Gütgemann-Holtz und Wolfgang Holtz haben zum einhundertsten Todestag des Malers nicht nur die Trauerfeier in der Friedhofskapelle ausgerichtet, sondern auch den Grabstein Walter Leistikows restaurieren lassen.

Von Bromberg nach Berlin

Walter Leistikow, der am 24. Oktober 1865 in Bromberg / Bydgoszcz zur Welt kam, verließ seine Heimatstadt mit kaum 18 Jahren, zog nach Berlin und widmete sein Leben der Malerei, gelegentlich auch der Literatur und seiner Familie natürlich. Berlin zeigte sich zwiespältig in dieser Zeit: Kaisertreues Bürgertum und selbstbewußte Arbeiterbewegung, industrialisierte Fortschrittswelt und katastrophale Hygieneumstände.

Auch in der Kunst konnten die Gegensätze kaum größer sein: Massenhafte Durchschnittsproduktion und künstlerische Elite. Der Hofmaler Anton von Werner schwang in der Akademie der Künste und der großen Berliner Kunstaustellung das Zepter, verteidigte die Historienmalerei und die Kunstpolitik Kaiser Wilhelms II., die der jüngeren Generation wie eine längst vergangene Welt erschien.

Walter Leistikow regte die Gründung einer Secession an, um diesem Regiment zu entkommen. Der Kaiser hatte seine Malerei beleidigt. Am 2. Mai 1898 schlossen sich Berliner Künstlerinnen und Künstler zur Berliner Secession zusammen. Käthe Kollwitz, Heinrich Zille, Max Liebermann, Ludwig von Hofmann, Lesser Ury, insgesamt über einhundert Künstler protestierten damit gegen die einengende kaiserliche Kunstpolitik.

Was war der Stein des Anstoßes? Es war – im Grunde – ein ganzes Gebirge, das in kleinen und größeren Lawinen in die  wohlgeordnete Welt der europäischen Kunst hineinrollte.

Die Impressionisten hatten die Kunstwelt aufgeschreckt. Was die jungen Künstler faszinierte - und das nahmen die Romantiker vorweg -, war das Meer in seinen wogenden Bewegungen, der Himmel mit fliehenden Wolken, die zitternden Reflexe der Sonne, zerfließender Rauch, das Perlmutt-Glitzern des Schnees. Sie versuchten, Licht, Luft, Wind wiederzugeben, studierten die Tageszeiten im Spiegel des Lichtes. Walter Leistikow malte die Kiefern im Grunewald, Max Liebermann die Mädchen im Waisenhaus, Lesser Ury das Café Bauer am Abend, Käthe Kollwitz die schlesischen Weber – keine Themen für eine Große Berliner Kunstausstellung.


Der Maler der märkischen Landschaft

Walter Leistikow, der Maler der märkischen Landschaft, habe bei vielen Menschen mit seinen Bildern die Liebe zur Mark Brandenburg geweckt, schreibt Wolfgang Holtz in seinem Beitrag im „Kiezmagazin für Lichterfelde, Lankwitz und Steglitz“ zum 100. Todestag des Künstlers. Lovis Corinth verfasste die erste Biographie Leistikows, die zwei Jahre nach dessen Tod im Jahre 1910 erschien. Corinth beschreibt ihn als einen Menschen, den „überall Liebe und Freundlichkeit umgab“.

Keine „Änderung oder Neuerung im Künstlerleben“ Berlins habe es gegeben, „ohne daß Leistikow als Pfadfinder in der vordersten Reihe anzutreffen gewesen wäre ...“ Nicht nur für die Gründung der Berliner Secession, viel mehr noch für deren Fortbestehen war Walter Leistikow unentbehrlich, war der einzige, der es vermochte, die Hindernisse, Eifersüchteleien zu überwinden und auszugleichen. Nach seinem Tod brach die Vereinigung auseinander.

Sein Werk, von dem das Bröhan-Museum wunderbare Stücke besitzt, die seit dem 3. Oktober in einer Gedächtnisausstellung zu sehen sind, setzt sich vor allem aus Landschaften zusammen. Landschaften, die früh in der Entwicklung seines Schaffens jegliche Staffage verloren.
Theodor Wolff, Chefredakteur der Berliner Tageszeitung „Berliner Tageblatt“ aus dem Hause Mosse, nannte sie „eine lange Reihe von feinen, flüsternden Bilder.“ In einer Beschreibung Wolffs heißt es: „Ein müder Föhrenwald, wo als letzte Abendsonnengrüße noch ein paar zitternde Lichtreflexe über die harten Stämme irren. Ein kleiner Hof, wo auf langen Leinen die Familienwäsche in der warmen Sonne trocknet.“ Kaiser Wilhelm II. reagierte verstört: „Den Grunewald kenne ich doch. Ich bin Jäger.“

Leistikow hatte auf Reisen die nordischen Länder kennengelernt und entdeckte erst bei seiner Rückkehr die herbe Schönheit der märkischen Seen und Wälder. Bei Corinth heißt es: „Der melancholische Reiz, der in den Kieferwaldungen liegt, wie sich die dunklen Wipfel knorrig gegen die Dümpeln spiegeln, hat Leistikow verstanden wiederzugeben wie kein anderer. Er ist für die Welt zum Dolmetsch dieser spröden Natur geworden. Nicht als ob er überhaupt zuerst diese Motive gefunden hätte, aber seine Bilder zwangen zuerst vor allen andern Künstler und Laien zur Bewunderung. Man nannte ihn den Maler der Mark Brandenburg.“


Zu spät für Walter Leistikow

Der restaurierte Grabstein. Photo: Margot WeißEin gutes Jahr nach Leistikows Tod gelang es dem Chemiker Paul Ehrlich und seinen Mitarbeitern nach einer langen Versuchsreihe ein wirksames Mittel gegen die Syphilis zu entwickeln, das Arsphenamin, das bereits im Jahr 1910 unter dem Namen Salvarsan von der Firma Hoechst produziert wurde.

Zu spät für Walter Leistikow.

Noch im Todesjahr des Malers erhielt Ehrlich mit seinem russischen Kollegen Ilja Iljitsch Metschnikow als Begründer der Immunologie den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.

Cécile Lowenthal-Hensel und Gerhild Komander, Photo: Margot Weiß1990 erwirkte Wolfgang Holtz, dass aus dem Grab des Künstlerfreundes ein Ehrengrab der Stadt Berlin wurde. Die städtische Grabpflege schließt die Restaurierung eines Grabsteines nicht ein.

Gut ein Jahr lang sammelte das Ehepaar Gütgemann-Holtz bei Führungen und Lesungen für die Restaurierung des Steines, den der Steglitzer Bildhauer Franz Seeck geschaffen hatte. 

2008 präsentieren sie mit der Unterstützung vieler Freundinnen und Freunde den restaurierten Grabstein auf dem Steglitzer Friedhof Bergstraße.

Leseempfehlung:

Wolfgang Holtz: Walter Leistikow zum 100. Geburtstag, in: Mitteilungsblatt der Landesgeschichtlichen Vereinigung für die Mark Vereinigung 109, 2008, S. 38-40

Stimmungslandschaften. Gemälde von Walter Leistikow (1865-1908), hg. von Ingeborg Becker, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Bröhan-Museum, Berlin 2008

Walter Leistikow: Auf der Schwelle, Nachdruck der Ausgabe Berlin 1896 (Schuster & Loeffler), Berlin 2008

Lovis Corinth: Das Leben Walter Leistikows. Ein Stück Berliner Kulturgeschichte, Berlin 1910, neu herausgegeben von Reimar F. Lacher, Berlin 2000

Lovis Corinth: Das Leben Walter Leistikows. Ein Stück Berliner Kulturgeschichte, Berlin 1910


Ausstellung:

Stimmungslandschaften
Gemälde von Walter Leistikow (1865-1908)
Sonderausstellung vom 3. Oktober 2008 bis 11. Januar 2009

Bröhan-Museum Landesmuseum für Jugendstil, Art Deco und Funktionalsimus (1889-1939)
Schloßstraße 1a, Berlin-Charlottenburg
Telefon: 326 906 00
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr


Lesung:

Walter Leistikow: Auf der Schwelle. Lesung
Information:  805 23 11 |  hofcafe-berlin.de/mutterfourage.php
Galerie Mutter Fourage, Chausseestraße 15a, Steglitz-Zehlendorf
Sonntag, den 2. November, 11.30 Uhr

Zurück zum Seitenanfang

Zurück zum Überblick Bildende Künste

- © gerhild komander 10/08 -